Das passive Investieren rückte für viele Anleger besonders nach der Finanzkrise 2007/2008 in den Fokus. Seit 2009 nahmen die Investitionen in Indizes merklich zu, sodass im Zeitraum 2024/2025 in den USA ein historischer Wendepunkt erreicht wurde: Erstmals wird mehr Kapital in passiven Vehikeln (ETFs und Indexfonds) verwaltet als in aktiv gemanagten Publikumsfonds. Der Anteil passiver Mittel am US-Publikumsfondsmarkt liegt nun bei über 53%. Doch bringt diese Entwicklung auch Folgen für den Markt mit sich.
Investieren mit ETFs gilt seit einigen Jahren fast schon als Goldstandard, um sich über die Zeit ein Vermögen aufzubauen. Das Ergebnis gibt vielen Anlegern Recht; die Entwicklung vieler Standardindizes war in den vergangenen Jahren sehr gut. Doch aufgrund der aktuellen Marktentwicklungen hat dieses Bild in letzter Zeit Risse bekommen. Hintergrund ist der hohe Anteil an US-amerikanischen Aktien im MSCI World Index. Zudem besteht eine starke Konzentration in Technologieunternehmen und somit ein Branchenungleichgewicht, das der MSCI World mit dem S&P 500 teilt.
Viele Anleger verlassen sich zudem auf eine Trendfortsetzung: US-amerikanische Aktien outperformen die europäischen Werte. Doch schon im Jahr 2025 war das nicht mehr der Fall. Geht man in der Historie weiter zurück, so sieht man, dass es vor über 20 Jahren schon einmal eine ähnliche Periode gab: Zwischen 2004 und 2007 haben sich europäische Aktien besser entwickelt als der US-amerikanische Aktienmarkt.
(Quelle: Bloomberg, eigene Darstellung FOCAM AG)
Doch zunächst einen Schritt zurück: Unter passivem Investieren versteht man eine Anlagestrategie, bei der ein Anleger versucht, einen Marktindex (z. B. den MSCI World) möglichst exakt abzubilden. ETFs, die solche Indizes abbilden, weisen oft eine günstige Verwaltungsvergütung auf und erlauben es, durch den Kauf von nur einem Wertpapier eine breite Allokation zu erreichen.
Die Kehrseite ist jedoch, dass strategische Risikoüberlegungen bezüglich einer Währungs-, Sektor- oder Regionalaufteilung dabei meist vernachlässigt werden, da die Gewichtung starr dem Index folgt. Am Beispiel des MSCI World Index untersuchen wir das im Folgenden genauer.
Die Anatomie der Einseitigkeit: Der MSCI World 2026
Der MSCI World bildet die Wertentwicklung von rund 1.500 Unternehmen aus 23 Industrieländern ab. Das regelbasierte Verfahren, welches der Auswahl der Aktien im MSCI World Index zugrunde liegt, basiert auf drei Säulen:
- Regionale Beschränkung: Es werden Aktien aus 23 als Industrieländer eingestuften Staaten (Developed Markets) aufgenommen, was zur Folge hat, dass Schwellenländer, wie beispielhaft China oder Indien, nicht berücksichtigt werden. Betrachtet man die Anteile einzelner Volkswirtschaften am globalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) verantworten die Industrieländer jedoch nur 54,7% der weltweiten Wirtschaftsleistung (USD-gewichtet).
- Marktkapitalisierung (85%-Regel): Der Index deckt die oberen 85% des frei handelbaren Börsenwerts jedes Landes ab, was ihn zu einem reinen Large- und Mid-Cap-Index macht. Anleger sollten sich im Klaren sein, dass sie dadurch keine Beteiligung an kleineren aufstrebenden Unternehmen haben.
- Liquidität: Nur Aktien mit ausreichend hohem Handelsvolumen werden berücksichtigt, damit ETFs sie problemlos kaufen und verkaufen können. Strategien, die von einer geringeren Liquidität profitieren, können demnach nur schwer in einem ETF abgebildet werden.
Das Gewicht einer einzelnen Aktie im Index ergibt sich aus ihrem frei handelbaren Börsenwert im Verhältnis zum Gesamtwert aller Unternehmen im Index. Folglich werden stark wachsende Branchen und Unternehmen im Index automatisch höher gewichtet.
Der Mechanismus der Selbstverstärkung:
Daraus folgt, dass lang anhaltende Börsenaufschwünge einzelner Regionen oder Sektoren zu einer massiven strukturellen Verschiebung innerhalb der Indizes führen können. Während US-amerikanische Aktien im Jahr 2007 noch einen Anteil von moderaten 42,9% am MSCI World hielten, ist dieser Wert bis Anfang 2026 auf über 73% angewachsen.
(Quelle: Bloomberg, eigene Darstellung FOCAM AG)
Dieser Anstieg ist nicht allein auf ein stärkeres Wirtschaftswachstum der USA zurückzuführen, sondern primär auf die höheren Bewertungen (Multiples) des US-Tech-Sektors. Da passive ETFs gezwungen sind, Aktien proportional zu ihrem Marktwert zu kaufen, entsteht ein Momentum-Effekt: Je teurer eine Aktie oder eine Region wird, desto mehr Kapital fließt hinein. Dies führt dazu, dass der MSCI World heute kaum noch ein globaler Index ist, sondern vielmehr eine konzentrierte Wette auf den US-amerikanischen Wachstumssektor und den US-Dollar.
Anders ausgedrückt: Als Euro-Investor bedeutet die Investition in den MSCI World ein hohes Währungsrisiko in US-Dollar und anderen Währungen, da lediglich knapp 8% der Aktien aus dem Euroraum stammen.
(Quelle: Bloomberg, eigene Darstellung FOCAM AG)
Die Illusion der 1.500 Werte: Wie eine Handvoll Aktien das Sicherheitsversprechen der ETFs aushöhlt.
Obwohl der Index aktuell genau 1.320 Unternehmen (Stand: Januar 2026) umfasst, wird die Wertentwicklung fast ausschließlich von einer winzigen Gruppe von Aktiengesellschaften bestimmt.
Das Kernproblem besteht darin, dass die enorme Losgröße der Top-10-Schwergewichte das ursprüngliche Versprechen der Diversifikation in eine gefährliche Scheinsicherheit verwandelt. Fast 27% des Kapitals im MSCI World Index fließen in nur zehn US-Tech-Giganten. Somit hängt das Schicksal von Millionen Privatanlegern nicht mehr an der Weltwirtschaft, sondern an der quartalsweisen Performance einiger weniger Silicon-Valley-Vorstände. Diese extreme Konzentration hebelt den Schutzmechanismus des breiten Marktes aus und macht den Index hochgradig anfällig für spezifische Sektorrisiken oder regulatorische Angriffe gegen Big Tech. Letztlich führt dieser passive Kaufzwang zu einer Preisblase bei den größten Werten, die bei einer Trendwende einen unverhältnismäßig tiefen Fall des gesamten Weltportfolios auslösen könnte.
Diese Schieflage spiegelt sich unmittelbar in der sektoralen Zusammensetzung wider: Die Informationstechnologie ist mittlerweile mit einem Anteil von rund 26% (per 31. Januar 2026) die mit Abstand dominierende Branche im MSCI World
Dabei ist zu beachten, dass die tatsächliche Abhängigkeit von Technologie-Narrativen sogar noch höher liegt. Rechnet man technologienah klassifizierte Giganten aus anderen Sektoren hinzu – wie Amazon (Zyklischer Konsum) oder Meta und Alphabet (Kommunikationsdienste) – hängen über 40% der Index-Performance direkt am Tropf des digitalen Sektors. Das einstige Versprechen einer breiten Streuung über die gesamte Weltwirtschaft ist damit einer massiven Sektor-Wette gewichen, die den Index anfällig für spezifische Regulierungen oder eine Korrektur der KI-Wachstumserwartungen macht.
Die Krux für den Anleger:
Man kauft mit einem MSCI World ETF heute eigentlich drei Dinge, die man vielleicht gar nicht in diesem Ausmaß beabsichtigt:
1. Ein extremes Klumpenrisiko in 10 US-Tech-Werten.
2. Ein massives Währungsrisiko (USD), da die Absicherung (Hedging) bei ETFs oft fehlt.
3. Eine Bewertungs-Wette: Man kauft die USA zu einem historisch hohen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), während Europa
und Japan fundamental deutlich günstiger bewertet sind.
Das Restaurant zum Selber-Kochen
Was jedoch noch viel frappierender ist: Anbieter von ETFs reagieren auf diesen Trend höchstens mit einem neuen Angebot und geben ihren Kunden eventuell noch ein paar gute Ratschläge mit, aber sie geben keine Anlageempfehlungen. Der Anleger, der fleißig in MSCI World ETFs gespart hat, wird also mit diesen Risiken alleine gelassen.
Viele große Asset-Manager wandeln sich daher aktuell von Häusern, die früher beraten und Empfehlungen gegeben haben, zu reinen Produktanbietern, denen es immer weniger um das Wohl Ihrer Kunden geht, als vielmehr darum, an einem aufkommenden Trend zu partizipieren. ETF-Anbieter sind damit austauschbar geworden, weil es keinen wesentlichen Unterschied macht, ob man den MSCI World ETF von Anbieter A oder Anbieter B kauft. Die Entscheidung darüber, was in einem Portfolio passiert, wird damit aber auch vom Asset-Manager zum Kunden übertragen, mit allen Konsequenzen.
Es ist wie in einem Restaurant, in dem die Kunden ab heute selbst kochen müssen: Sie bekommen nur noch die Zutaten und wenn es gut läuft, noch ein Kochrezept zur Verfügung gestellt. Mit allen Konsequenzen…
Der methodische Ansatz der FOCAM AG
Statt Sie mit der Komplexität passiver Indexrisiken allein zu lassen, übernimmt die FOCAM AG die Verantwortung für die professionelle Gesamtkomposition Ihres Portfolios. Wir übersetzen makroökonomische Expertise in eine belastbare Architektur, die systematisch vor den beschriebenen Marktverzerrungen schützt. Für Anleger, die das „Selber-Kochen“ vermeiden und die Einseitigkeit klassischer Indizes umgehen wollen, bietet FOCAM verschiedene Lösungswege:
In der FOCAM Vermögensverwaltung – modular ab 500 Tsd. Euro –, in der individuellen Vermögensverwaltung ab 2,0 Mio. Euro sowie in unseren Investmentfonds richten wir das Vermögen unserer Kunden aktiv aus. Auf Basis unserer FOCAM-Investmentmethode werden makroökonomische Faktoren sowie eine Datenbasis aus Unternehmensbewertungen und Anlegerverhalten analysiert und bilden den Entscheidungsrahmen für die Portfolioausrichtung.
Ein ETF (Exchange-Traded Fund) ist ein börsengehandeltes Wertpapier, das die Wertentwicklung eines Index – wie des MSCI World – möglichst kosteneffizient abbildet. Er gilt deshalb als Goldstandard, weil er Anlegern mit nur einer Transaktion Zugang zu hunderten Unternehmen ermöglicht. Die niedrigen Gebühren resultieren aus der rein mechanischen Verwaltung: Es gibt keinen Manager, der über die Auswahl der Aktien entscheidet; dies übernimmt starr die Regel des Index.
Die klassische Vorstellung einer breiten Streuung trifft auf den MSCI World im Jahr 2026 nur noch bedingt zu. Durch die Gewichtung nach Marktkapitalisierung hat sich der Index zu einer konzentrierten Wette entwickelt: Über 73% des Kapitals fließen in US-amerikanische Unternehmen, und fast ein Drittel der Wertentwicklung hängt an lediglich zehn Technologie-Giganten. Wer heute „Welt“ kauft, erwirbt faktisch ein Klumpenrisiko im US-Wachstumssektor.
Das Hauptrisiko ist die sogenannte Bewertungsblindheit. Da ETFs proportional zur Größe eines Unternehmens kaufen, fließt das meiste Geld automatisch in die Aktien, die bereits am teuersten sind. Dieser Momentum-Effekt kann zu einer Entkoppelung von den realen Unternehmenswerten führen. Sinkt die Markteffizienz, weil zu viel Kapital passiv investiert wird, findet keine echte Preisfindung mehr statt, was die Volatilität bei Trendwenden massiv erhöht.
Da der Großteil der im MSCI World enthaltenen Unternehmen in US-Dollar notiert, gehen Euro-Anleger ein erhebliches Währungsrisiko ein. Ohne eine aktive Absicherung (Hedging) hängt der Erfolg der Anlage nicht nur von den Aktienkursen ab, sondern maßgeblich von der Entwicklung des US-Dollars zum Euro. In Phasen einer Euro-Stärke kann dies die Rendite eines Weltportfolios spürbar schmälern, selbst wenn die US-Märkte steigen.
Viele große Asset-Manager haben sich von beratenden Häusern zu reinen Produktanbietern gewandelt. Sie liefern zwar die „Zutaten“ (die ETFs), geben aber keine Empfehlung mehr ab, ob die Mischung im aktuellen Marktumfeld noch sinnvoll ist. Der Anleger muss die strategische Entscheidung über Regionalgewichtung und Risikomanagement selbst treffen – eine Aufgabe, die früher professionelle Portfoliomanager übernommen haben.
Echte Resilienz im Portfolio erfordert heute eine Abkehr vom rein passiven Mitlaufen. Durch einen aktiven, regelbasierten Ansatz – wie die Architektur der FOCAM AG – werden Risikobudgets und Korrelationen dynamisch gesteuert. Statt starr einem überhitzten Index zu folgen, ermöglicht dieser methodische Ansatz eine Anpassung an makroökonomische Veränderungen und stellt die Diversifikation dort wieder her, wo der breite Markt sie verloren hat.
Stefan Krause
Sprecher des Vorstands der FOCAM AG
Dr. Martin Kolrep
Leiter Asset Management der FOCAM AG
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