Die Illusion der Streuung

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13. August 2026

Portfolio richtig diversifizieren: Warum klassische Risikostreuung oft versagt

Als die US-Notenbank den Leitzins 2022 binnen eines Jahres um 425 Basispunkte anhob, verlor der technologielastige Nasdaq-100 rund 32 Prozent, und langlaufende US-Staatsanleihen fielen mit etwa 31 Prozent fast ebenso stark. Zwei Anlagen, die in keinem Klassifizierungsschema zusammengehören, brachen aus demselben Grund ein: Beide bestehen wirtschaftlich aus fernen Zahlungen, deren Barwert bei steigenden Zinsen schrumpft.

Wer sein Portfolio diversifizieren will, zählt meist Anlageklassen. Entscheidend ist aber, auf wie viele unabhängige Kräfte ein Vermögen setzt. Ein Depot kann zehn Positionen enthalten und dennoch nur zwei Wetten fahren; die Risikostreuung besteht dann nur auf dem Papier.

Anlageklassen sind Verpackungen, nicht Risiken

Kein Ernährungsberater würde einen Speiseplan aus Brot, Nudeln, Reis und Kartoffeln als ausgewogen einstufen, obwohl vier verschiedene Lebensmittel darauf stehen. Alle vier liefern überwiegend Kohlenhydrate. Ähnlich lesen sich viele Depotauszüge, viele Namen und wenige Zutaten. Riskant an einer Anlage sind die wenigen ökonomischen Kräfte, die ihren Wert bewegen, und dieselben Kräfte kehren unter immer neuen Verpackungen wieder.

Andrew Ang führt in seinem Standardwerk zur Faktoranlage die meisten Anlageklassen auf ein kleines Set gemeinsamer Risikofaktoren zurück, die quer durch das Depot unter wechselnden Etiketten auftauchen. Jede Anlage ist ein Strom künftiger Zahlungen, und was diese Zahlungen und ihren heutigen Wert bewegt, sind einige wenige Kräfte. Antti Ilmanen ergänzt in seiner Untersuchung erwarteter Renditen, woher der Ertrag dieser Faktoren stammt. Die Prämie eines Faktors ist der Lohn dafür, ein Risiko bewusst einzugehen, das gerade in schlechten Zeiten Verluste bringt, also dann, wenn sie am meisten schmerzen. Wer dieses Risiko vollständig wegdiversifiziert, gibt zugleich die Rendite auf, für die es entschädigt.

Nach den Verlusten des Jahres 2008 ließ das norwegische Finanzministerium die aktive Verwaltung seines Staatsfonds, des größten der Welt, extern prüfen. Die Untersuchung von Ang, Goetzmann und Schaefer führte rund 70 Prozent der Schwankungen der aktiven Renditen auf das Engagement in einige wenige systematische Faktoren zurück, darunter Aktienmarkt-, Laufzeit- und Kreditrisiko. Was wie die Handschrift hunderter unabhängiger Manager aussah, war zu großen Teilen eine gebündelte Wette auf dieselben Kräfte. Wenn schon ein Investor dieser Größe der Täuschung erliegt, ist kein privates Depot davor gefeit.

Die gemeinsamen Treiber: eine Landkarte

Wie viele solcher Grundzutaten gibt es? Die Zahl hängt vom Zweck der Einteilung ab. Für die praktische Betrachtung eines breit aufgestellten Vermögens genügen sechs, die jeweils an einer anderen Stelle der Bewertung ansetzen: an den künftigen Zahlungen, am Diskontsatz, an der Kaufkraft, am Ausfallrisiko, an der Handelbarkeit und an der Währung.

Abb. 1,  Quelle: Eigene Darstellung. Die sechs gemeinsamen Risikotreiber und die von ihnen bewegten Anlageklassen. Vereinfachung zur Veranschaulichung, keine Wiedergabe einer bestimmten akademischen Taxonomie; die Literatur kennt engere und weitere Einteilungen.

Aufschlussreich wird die Tabelle beim Blick auf die rechte Spalte, in der dieselben Anlagen mehrfach wiederkehren. Aktien, Private Equity, High Yield und Gewerbeimmobilien etwa belegen vier Zeilen des Depotauszugs, treffen sich im Raster aber alle in derselben Zeile.

Dass Realzinsen und Inflation zwei getrennte Zeilen belegen, folgt aus der Fisher-Gleichung. Der Nominalzins setzt sich aus beiden zusammen und die Komponenten können sich unabhängig voneinander bewegen. Eine inflationsindexierte Anleihe ist gegen Inflation geschützt und reagiert dennoch voll auf den Realzins, während Rohstoffe auf Inflation reagieren, kaum aber auf den Realzins. Wer beides zu „Zinsen“ verrührt, kann nicht mehr erklären, warum Sachwerte 2022 anders liefen als nominale Anleihen.

Wenn kleine Positionen zum Klumpenrisiko werden

Kapitalgewichte sind ein schlechter Maßstab dafür, wie viel sich hinter einer einzelnen Kraft sammelt, weil sich Risiko nicht proportional zum eingesetzten Kapital verteilt. Im klassischen Portfolio aus 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen schwankt die Aktienseite um rund 15 Prozent pro Jahr, die Anleiheseite um rund 5 Prozent. Je nach unterstellter Korrelation stammen damit 90 bis 95 Prozent des gesamten Portfoliorisikos aus der Aktienposition, während die 40 Prozent Anleihen die Rendite verwässern, kaum aber das Risiko. Gemessen am Risiko ist das 60/40-Portfolio fast ein reines Aktienportfolio mit angezogener Handbremse.

Abb. 2, Quelle: Eigene Berechnung und Darstellung. Annahmen: 15 Prozent Volatilität auf der Aktien- und 5 Prozent auf der Anleiheseite. Risikobeiträge als Anteil an der Portfoliovarianz nach Euler-Zerlegung. σ bezeichnet die Volatilität des Gesamtportfolios pro Jahr. Der Fall hoher positiver Korrelation entspricht dem Inflationsregime, in dem Zinsen und Inflation die Märkte stärker treiben als der Konjunkturzyklus.

Bei vielen kleinen Positionen wirkt dieselbe Mechanik verdeckter. Statt jede Position pauschal einer einzigen Kraft zuzuschlagen, verteilt man sie anteilig auf mehrere und summiert anschließend über das ganze Portfolio, welcher Anteil auf jeden Treiber entfällt. Ein bewusst vereinfachtes Beispiel mit fünf Positionen zu je acht Prozent: zyklische Industrieaktien, ein Venture-Capital-Fonds, ein High-Yield-Fonds, ein Logistik-Immobilienprojekt und Aktien von Rohstoffproduzenten.

Die Industrieaktien hängen zu 0,7 an Wachstum und im Rest an Realzinsen, der Venture-Fonds zu 0,6 an Wachstum und zu 0,4 an Liquidität, der High-Yield-Fonds je zur Hälfte an Wachstum und an Kredit, die Immobilie zu 0,5 an Wachstum und darüber hinaus an Realzinsen und Liquidität, die Rohstoffaktien zu 0,6 an Wachstum und zu 0,4 an Inflation. Beim Wachstum liegen die fünf Faktorladungen zwischen 0,5 und 0,7, im Schnitt knapp 0,6. Angewandt auf die zusammen vierzig Prozent Kapital, die in diesen Positionen investiert sind, ergibt das eine Wachstumswette von rund 23 Prozent des Gesamtportfolios. Die grobe Faustregel, die jede Position ihrer stärksten Kraft zuschlägt, käme auf bis zu 40 Prozent und überzeichnet; der Blick auf die einzelnen Anlageklassen sieht nur fünf getrennte Wetten von je acht Prozent und unterschätzt die Bündelung. Die gewichtete Summe liegt dazwischen, und Wachstum ist darin mit gut einem Fünftel die größte Wette des Portfolios, ein Klumpenrisiko, das auf keinem Depotauszug steht.

Abb. 3, Quelle: Eigene Darstellung. Illustratives Beispielportfolio, kein reales Mandat. Die Faktorladungen sind Annahmen zur Veranschaulichung der Methode und keine Messung; ihre Begründung steht in den methodischen Hinweisen. Die Anteile je Risikotreiber ergeben sich als Summe der mit den Positionsgrößen gewichteten Ladungen.

Jede der fünf Positionen kann für sich genommen gut begründet sein, problematisch wird erst ihre Summe, wenn niemand die Treiber über das ganze Portfolio zusammenrechnet. Die Kontrollfrage lautet deshalb, wie groß der gewichtete Anteil aller Positionen ist, die an derselben Kraft hängen.

Diversifikation versagt, wenn man sie braucht

Selbst bei ausgewogener Gewichtung bleibt die Streuungswirkung keine Konstante. Sie schwankt mit dem Marktumfeld und fällt in schweren Abschwüngen am geringsten aus.

2008 verlor der US-Aktienmarkt gemessen am S&P 500 rund 37 Prozent, und fast alles, was als Diversifikation gedacht war, fiel mit. Internationale Aktien der Industrieländer gaben gut 43 Prozent nach, Hochzinsanleihen rund 26 Prozent und börsennotierte Immobilien knapp 38 Prozent. Rohstoffe verloren je nach Indexkonstruktion sehr unterschiedlich; die energielastigen Standardindizes büßten über 46 Prozent ein, breiter gewichtete Konstruktionen deutlich weniger. Selbst Hedgefonds, verkauft als marktunabhängige Beimischungen, verloren im Branchenschnitt rund 19 Prozent. Nennenswert zugelegt haben allein Staatsanleihen bester Bonität. Wer sein Vermögen über die Risikoanlagen dieser Liste verteilt hatte, besaß damit eine einzige Position, das globale Wachstums- und Kreditrisiko. 2022 wiederholte sich das Muster mit umgekehrtem Vorzeichen, als der Zinstreiber Aktien und Anleihen gemeinsam nach unten zog, während Rohstoffe stiegen. In beiden Krisen entschied die jeweils dominante Kraft darüber, welche Anlagen fielen und welche schützten.

Abb. 4, Quelle: Indexanbieter und Primärquellen, eigene Darstellung. Gesamtrenditen 2008 einschließlich Ausschüttungen, in US-Dollar. Staatsanleihen gemessen am Bloomberg U.S. Treasury Index, Hedgefonds am HFRI Fund Weighted Composite, Hochzinsanleihen am ICE BofA US High Yield Index, US-Aktien am S&P 500, börsennotierte Immobilien am FTSE Nareit All Equity REITs Index, internationale Aktien am MSCI EAFE (Net, nach Quellensteuern), Rohstoffe am S&P GSCI. Die Angabe für 2022 im Text bezieht sich auf den ICE U.S. Treasury 20+ Year Index.

Sébastien Page und Robert Panariello haben Korrelationen zwischen Anlagen danach getrennt, ob die Märkte steigen oder fallen, und eine ausgeprägte Asymmetrie gefunden: In den schwersten Verkaufswellen des US-Aktienmarktes stieg dessen Korrelation mit internationalen Aktien auf 0,87, in den stärksten Rallyes fiel sie auf minus 0,17. Im Aufschwung wirken die Anlagen also breit gestreut, im schweren Abschwung schmilzt dieser Effekt fast vollständig dahin. Dieselbe Asymmetrie messen die Autoren für Kreditsegmente, Hedgefonds-Stile und Privatmarktanlagen. Longin und Solnik hatten bereits 2001 dokumentiert, dass die Korrelationen internationaler Aktienmärkte in fallenden und volatilen Phasen sprunghaft steigen; Page und Panariello beziffern denselben Effekt siebzehn Jahre später für ein weit breiteres Anlageuniversum.

An ein Regime gebunden ist auch der letzte verbliebene Puffer. Staatsanleihen bester Bonität koppeln sich in Aktienkrisen meist ab, und diese Flucht in Sicherheit gehört zu den verlässlichsten Diversifikationseffekten. Page und Panariello belegen die Schutzwirkung allerdings nur für den Fall, dass der Ausverkauf von den Aktienmärkten ausgeht. Geht er wie 2022 vom Anleihemarkt aus, weil Inflation und Zinsen das Geschehen bestimmen, fallen beide Seiten gemeinsam.

Der berechtigte Einwand: Risikotreiber stehen auf keinem Depotauszug

Risikotreiber lassen sich nicht kaufen und nicht nachzählen, sie sind Konstrukte. Welche Position welcher Kraft in welchem Maß zugeordnet wird, ist eine Ermessensfrage, und zwei Analysten kommen mit guten Gründen zu verschiedenen Rastern; auch die Gewichte im Rechenbeispiel weiter oben sind geschätzt. Hinzu kommt die Überlappung der Treiber untereinander. Kreditaufschläge weiten sich fast immer dann, wenn das Wachstum einbricht, sodass zwei eigenständige Mechanismen im Abschwung in dieselbe Richtung wirken.

Die Faktorsicht arbeitet mit Schätzungen und liefert keine Messwerte, und ihr praktischer Nutzen hängt davon auch nicht ab. Sie erzwingt die Frage, wie viel Risiko an derselben Kraft hängt, und dafür genügt eine grobe Zuordnung. Ob die verdeckte Wachstumswette 20 oder 30 Prozent beträgt, ändert nichts an der Erkenntnis, dass sie nicht bei acht Prozent liegt. Eine grobe Landkarte leistet damit mehr als ein Depotauszug, der dieselbe Konzentration hinter fünf Etiketten verbirgt.

Echte Diversifikation bemisst sich an der Zahl der Risikotreiber

Wie viele unabhängige Kräfte auf ein Vermögen wirken, lässt sich am Depotauszug nicht ablesen, und ihre Zahl liegt fast immer unter der Zahl der Positionen. Zwei Effekte verkleinern sie weiter: im Normalfall, die unbemerkte Bündelung mehrerer Positionen auf dieselbe Kraft; im Stress, der Anstieg der Korrelationen genau dort, wo man sich auf sie verlassen wollte. Für Portfolios gilt am Ende, was für den Speiseplan gilt: Ausgewogen ist er, wenn er verschiedene Nährstoffe liefert. Die Zutatenliste zu lesen ist mühsamer, als die Gerichte zu zählen. Im Depot heißt das, die Positionen nach ihren Risikotreibern zu sortieren, bevor man ihre Zahl für Streuung hält.

Neben der Aufteilung nach Anlageklassen nehmen wir bei FOCAM regelmäßig diese zweite Sicht auf ein Mandat ein und fragen, welche gemeinsamen Kräfte hinter den einzelnen Positionen stehen und wie groß die größte dieser Wetten ausfällt. Bei Unternehmerfamilien gehört dazu, was nicht im Depot steht: Das eigene Unternehmen, Immobilien und unternehmerische Beteiligungen tragen oft dieselben Treiber wie das liquide Vermögen, und erst das Gesamtbild zeigt, wie viele unabhängige Wetten eine Familie tatsächlich eingeht.

FAQ

Eine Anlageklasse ist eine Marktkategorie wie Aktien, Anleihen oder Immobilien. Ein Risikotreiber ist die ökonomische Kraft, die den Wert einer Anlage tatsächlich bewegt, also Wachstum, Realzinsen oder Kreditrisiko. Mehrere Anlageklassen können denselben Treiber teilen. Wachstumsaktien und langlaufende Anleihen reagieren beide empfindlich auf das Zinsniveau.

Man verteilt jede Position anteilig auf die Kräfte, die ihren Wert bewegen, statt sie pauschal einer einzigen zuzuschlagen. Anschließend summiert man über das ganze Portfolio, welcher gewichtete Anteil auf jeden Treiber entfällt, und tariert die Gewichte so aus, dass kein einzelner Treiber das Portfolio beherrscht. Dieser Text unterscheidet sechs: Wachstum, Realzinsen, Inflation, Kredit, Liquidität und Währung.

Beide Komponenten können sich unabhängig voneinander bewegen und treffen unterschiedliche Anlagen. Der Nominalzins setzt sich aus Realzins und erwarteter Inflation zusammen. Eine inflationsindexierte Anleihe ist gegen Inflation geschützt und reagiert dennoch auf den Realzins, Rohstoffe reagieren auf Inflation, kaum aber auf den Realzins, und eine nominale Anleihe reagiert auf beides. Dadurch entwickeln sich Sachwerte und nominale Anleihen im selben Umfeld unterschiedlich.

Nicht pauschal. Bei Anleihen ja: Wechselkurse schwanken deutlich stärker als Anleihekurse, ohne Sicherung ist eine Auslandsanleihe überwiegend eine Währungswette. Bei Aktien liegt der Fall anders. Währungen wie der US-Dollar oder der Schweizer Franken werten in globalen Stressphasen tendenziell auf und dämpfen den Verlust einer ungesicherten Position genau dann, wenn es darauf ankommt; eine Vollsicherung nimmt diesen Puffer heraus. Hinzu kommt, dass eine Sicherung nicht kostenlos ist, sondern die Zinsdifferenz zwischen den beiden Währungen kostet. Sinnvoll ist deshalb eine Sicherungsquote, die nach Anlageklasse unterscheidet, statt einer einheitlichen Regel für das Gesamtportfolio.

In breiten Abschwüngen dominiert häufig eine einzelne Kraft viele Anlagen gleichzeitig, etwa ein Wachstumseinbruch, der Aktien, Hochzinsanleihen und Immobilien zugleich belastet. In ruhigen Phasen bewegen sich die verschiedenen Treiber weitgehend unabhängig voneinander, wodurch die Streuung größer erscheint, als sie im Ernstfall ist; unter Turbulenzen laufen sie wieder in dieselbe Richtung. Empirische Untersuchungen belegen diese Asymmetrie über nahezu alle Risikoanlagen hinweg: Die Korrelation mit dem Aktienmarkt ist in Verkaufswellen höher als in Rallyes.

Nein. Streuung über tatsächlich unabhängige Risikotreiber wirkt auch in Stressphasen. Trügerisch ist eine Streuung, die allein auf der Zahl der Anlageklassen beruht und deshalb mehr Schutz verspricht, als sie im Ernstfall bietet.

Man zerlegt jede Position in ihre Anteile an den einzelnen Risikotreibern und summiert diese Anteile über das ganze Depot. Mehrere kleine Positionen, die anteilig alle an derselben Kraft hängen, ergeben zusammen eine größere Wette, als die einzelnen Positionsgrößen vermuten lassen. Für das Erkennen eines Klumpenrisikos genügt dabei meist eine grobe Schätzung.

Alle Marktangaben beziehen sich auf US-Märkte und sind in US-Dollar gerechnet; die zugrundeliegende Mechanik gilt unabhängig von Markt und Währung. Angegeben sind Gesamtrenditen einschließlich Ausschüttungen.

2022: Die US-Notenbank hob das Zielband für den Leitzins binnen eines Jahres um 425 Basispunkte auf 4,25 bis 4,50 Prozent an. Nasdaq-100 Total Return Index (XNDX) minus 32,4 Prozent, langlaufende US-Staatsanleihen gemessen am ICE U.S. Treasury 20+ Year Index minus 31,0 Prozent. Die Angabe zu den Staatsanleihen bezieht sich auf Restlaufzeiten über zwanzig Jahre; kürzere Laufzeitsegmente verloren entsprechend weniger.

2008: US-Aktien gemessen am S&P 500 minus 37,0 Prozent, internationale Aktien der Industrieländer gemessen am MSCI EAFE (Net, nach Quellensteuern) minus 43,4 Prozent, Hochzinsanleihen gemessen am ICE BofA US High Yield Index minus 26,4 Prozent, börsennotierte Immobilien gemessen am FTSE Nareit All Equity REITs Index minus 37,7 Prozent, Rohstoffe gemessen am S&P GSCI minus 46,5 Prozent, Hedgefonds gemessen am HFRI Fund Weighted Composite Index minus 19,0 Prozent. Staatsanleihen bester Bonität, in Abbildung 4 ausgewiesen, gemessen am Bloomberg U.S. Treasury Index plus 13,7 Prozent. Die Unterschiede zwischen den Rohstoffindizes ergeben sich aus ihrer Sektorgewichtung; produktionsgewichtete Konstruktionen wie der S&P GSCI hielten 2008 einen Energieanteil von rund zwei Dritteln und fielen entsprechend stärker als breiter gewichtete Indizes.

Rechenbeispiel 60/40: Risikobeitrag der Aktienposition bei 15 Prozent Volatilität auf der Aktien- und 5 Prozent auf der Anleiheseite, berechnet als Anteil an der Portfoliovarianz. Die genannte Spanne von 90 bis 95 Prozent entspricht Korrelationen zwischen 0,3 und 0. Bei negativer Korrelation liegt der Anteil höher. Abbildung 2 weist zusätzlich den Fall einer Korrelation von 0,7 aus, in dem der Risikobeitrag der Aktien auf 84,9 Prozent sinkt und die Portfoliovolatilität zugleich auf 10,50 Prozent steigt.

Rechenbeispiel Faktorzerlegung: illustrative Zuordnung, keine Messung. Jede Position wird anteilig auf die Treiber verteilt, die ihren Wert bewegen; die Anteile einer Position summieren sich auf eins. Unterstellt sind: zyklische Industrieaktien 0,7 Wachstum und 0,3 Realzinsen, weil die Gewinne unmittelbar am Konjunkturzyklus hängen und die Bewertung zusätzlich vom Diskontsatz abhängt; Venture-Capital-Fonds 0,6 Wachstum und 0,4 Liquidität, weil junge Unternehmen stark vom Wachstumsumfeld abhängen und die Anteile über Jahre nicht handelbar sind; High-Yield-Fonds je 0,5 Wachstum und Kredit, weil die Ausfallwahrscheinlichkeit mit der Konjunktur schwankt und der Risikoaufschlag ein eigenes Preisrisiko trägt; Logistik-Immobilie 0,5 Wachstum, 0,25 Realzinsen und 0,25 Liquidität, weil Mietnachfrage und Flächenumsatz konjunkturabhängig sind, die Bewertung am Zinsniveau hängt und ein Direktinvestment nicht kurzfristig veräußerbar ist; Aktien von Rohstoffproduzenten 0,6 Wachstum und 0,4 Inflation, weil die Absatzmengen an der Konjunktur und die Erlöse an den Rohstoffnotierungen hängen. Der Anteil eines Treibers am Gesamtportfolio ergibt sich als Summe seiner mit den Positionsgrößen gewichteten Ladungen. Für Wachstum bei fünf Positionen zu je acht Prozent: (0,7 + 0,6 + 0,5 + 0,5 + 0,6) x 8 Prozent = 23,2 Prozent. Analog entfallen 5,2 Prozent auf Liquidität, 4,4 Prozent auf Realzinsen, 4,0 Prozent auf Kredit und 3,2 Prozent auf Inflation; in der Summe 40,0 Prozent.

  • Andrew Ang, Asset Management: A Systematic Approach to Factor Investing, Oxford University Press, 2014.
    https://doi.org/10.1093/acprof:oso/9780199959327.001.0001
  • Antti Ilmanen, Expected Returns: An Investor‘s Guide to Harvesting Market Rewards, Wiley, 2011.
    https://doi.org/10.1002/978111846719
  • Andrew Ang, William N. Goetzmann, Stephen M. Schaefer, Evaluation of Active Management of the Norwegian Government Pension Fund – Global, Report an das norwegische Finanzministerium, Dezember 2009.
  • Sébastien Page, Robert A. Panariello, „When Diversification Fails“, Financial Analysts Journal 74 (2018), Heft 3, 19-32. https://doi.org/10.2469/faj.v74.n3.3
  • François Longin, Bruno Solnik, „Extreme Correlation of International Equity Markets“, Journal of Finance 56 (2001), Heft 2, 649-676. https://doi.org/10.1111/0022-1082.00340
  • Campbell, John Y., Serfaty-de Medeiros, Karine, Viceira, Luis M., „Global Currency Hedging“, Journal of Finance 65 (2010), Heft 1, 87-121. https://doi.org/10.1111/j.1540-6261.2009.01524.x

Alle Seiten und Dokumente dieses Berichts stellen weder ein Angebot noch eine Aufforderung zu einem Angebot zum Kauf oder Verkauf irgendeines Wertpapiers oder Vermögenswertes (Aktien, Optionsscheine, Futures, Fonds, Zertifikate, Rentenpapiere, Währungen, Rohstoffe, Immobilien, etc.) dar. Alle Seiten und Dokumente dieses Berichts stellen auch kein Angebot oder eine Aufforderung zu einem Angebot zum Abschluss eines Vertrages über die Anschaffung und Veräußerung von Finanzinstrumenten (im Sinne von § 2 Absatz 5 des WpIG) oder deren Nachweis (Anlagevermittlung), über die Anschaffung und Veräußerung von Finanzinstrumenten im fremden Namen für fremde Rechnung (Abschlussvermittlung), über die Verwaltung einzelner in Finanzinstrumenten angelegter Vermögen für andere mit Entscheidungsspielraum (Finanzportfolioverwaltung, Vermögensverwaltung, Fondsmanagement etc.) sowie ferner über die Finanzanalyse, die Anlageberatung, das Vermögenscontrolling und über die Beratung von Kunden in wirtschaftlichen Fragen und Fragen der strategischen Vermögensaufstellung dar. Gleichfalls beinhalten diese Seiten und Dokumente keine Empfehlung an Sie, solche Geschäfte und Verträge abzuschließen oder Positionen in Wertpapieren und sonstigen Finanzinstrumenten zu kaufen, zu veräußern oder zu halten. Die Informationen dieses Berichts ersetzen niemals die persönliche Beratung seitens Ihres Anlage- oder Steuerberaters. Soweit Sie mit uns keine anderslautende ausdrückliche schriftliche Vereinbarung haben, sind wir nicht als Ihr Finanzberater, Analyst, Finanzportfolioverwalter oder Treuhänder im Hinblick auf die in diesem Bericht beschriebenen Geschäftsarten und Analysen tätig. Jedes Investment in Wertpapiere, Finanzinstrumente und Vermögenswerte gleich welcher Art ist mit Risiken behaftet. Eine Investitionsentscheidung darf nicht auf der Grundlage dieser Seiten und Dokumente erfolgen. Der Herausgeber ist nicht verantwortlich für Konsequenzen, speziell für Verluste oder entgangene Gewinne, die durch die Verwendung der auf diesen Seiten und Dokumenten enthaltenen Daten, Ansichten und Rückschlüsse folgen bzw. folgen können. Dies gilt für die vertragliche und quasi-vertragliche als auch für die deliktische Haftung. Zurückliegende Wert-, Preis- oder Kursentwicklungen geben keine Anhaltspunkte für die zukünftige Entwicklung eines Investments. Der Herausgeber übernimmt keine Gewähr für einen bestimmten Anlageerfolg oder eine bestimmte Wertentwicklung, für entgangene Gewinne oder für steuerliche Folgen von Anlagestrategien und / oder einzelner Finanzinstrumente. Insbesondere übernimmt er auch keine Haftung für Verluste aus allgemeinen und den mit Anlagen verbundenen spezifischen Risiken.

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Portfolio richtig diversifizieren: Warum klassische Risikostreuung oft versagt

Als die US-Notenbank den Leitzins 2022 binnen eines Jahres um 425 Basispunkte anhob, verlor der technologielastige Nasdaq-100 rund 32 Prozent, und langlaufende US-Staatsanleihen fielen mit etwa 31 Prozent fast ebenso stark. Zwei Anlagen, die in keinem Klassifizierungsschema zusammengehören, brachen aus demselben Grund ein: Beide bestehen wirtschaftlich aus fernen Zahlungen, deren Barwert bei steigenden Zinsen schrumpft.

Wer sein Portfolio diversifizieren will, zählt meist Anlageklassen. Entscheidend ist aber, auf wie viele unabhängige Kräfte ein Vermögen setzt. Ein Depot kann zehn Positionen enthalten und dennoch nur zwei Wetten fahren; die Risikostreuung besteht dann nur auf dem Papier.

Anlageklassen sind Verpackungen, nicht Risiken

Kein Ernährungsberater würde einen Speiseplan aus Brot, Nudeln, Reis und Kartoffeln als ausgewogen einstufen, obwohl vier verschiedene Lebensmittel darauf stehen. Alle vier liefern überwiegend Kohlenhydrate. Ähnlich lesen sich viele Depotauszüge, viele Namen und wenige Zutaten. Riskant an einer Anlage sind die wenigen ökonomischen Kräfte, die ihren Wert bewegen, und dieselben Kräfte kehren unter immer neuen Verpackungen wieder.

Andrew Ang führt in seinem Standardwerk zur Faktoranlage die meisten Anlageklassen auf ein kleines Set gemeinsamer Risikofaktoren zurück, die quer durch das Depot unter wechselnden Etiketten auftauchen. Jede Anlage ist ein Strom künftiger Zahlungen, und was diese Zahlungen und ihren heutigen Wert bewegt, sind einige wenige Kräfte. Antti Ilmanen ergänzt in seiner Untersuchung erwarteter Renditen, woher der Ertrag dieser Faktoren stammt. Die Prämie eines Faktors ist der Lohn dafür, ein Risiko bewusst einzugehen, das gerade in schlechten Zeiten Verluste bringt, also dann, wenn sie am meisten schmerzen. Wer dieses Risiko vollständig wegdiversifiziert, gibt zugleich die Rendite auf, für die es entschädigt.

Nach den Verlusten des Jahres 2008 ließ das norwegische Finanzministerium die aktive Verwaltung seines Staatsfonds, des größten der Welt, extern prüfen. Die Untersuchung von Ang, Goetzmann und Schaefer führte rund 70 Prozent der Schwankungen der aktiven Renditen auf das Engagement in einige wenige systematische Faktoren zurück, darunter Aktienmarkt-, Laufzeit- und Kreditrisiko. Was wie die Handschrift hunderter unabhängiger Manager aussah, war zu großen Teilen eine gebündelte Wette auf dieselben Kräfte. Wenn schon ein Investor dieser Größe der Täuschung erliegt, ist kein privates Depot davor gefeit.

Die gemeinsamen Treiber: eine Landkarte

Wie viele solcher Grundzutaten gibt es? Die Zahl hängt vom Zweck der Einteilung ab. Für die praktische Betrachtung eines breit aufgestellten Vermögens genügen sechs, die jeweils an einer anderen Stelle der Bewertung ansetzen: an den künftigen Zahlungen, am Diskontsatz, an der Kaufkraft, am Ausfallrisiko, an der Handelbarkeit und an der Währung.

Abb. 1,  Quelle: Eigene Darstellung. Die sechs gemeinsamen Risikotreiber und die von ihnen bewegten Anlageklassen. Vereinfachung zur Veranschaulichung, keine Wiedergabe einer bestimmten akademischen Taxonomie; die Literatur kennt engere und weitere Einteilungen.

Aufschlussreich wird die Tabelle beim Blick auf die rechte Spalte, in der dieselben Anlagen mehrfach wiederkehren. Aktien, Private Equity, High Yield und Gewerbeimmobilien etwa belegen vier Zeilen des Depotauszugs, treffen sich im Raster aber alle in derselben Zeile.

Dass Realzinsen und Inflation zwei getrennte Zeilen belegen, folgt aus der Fisher-Gleichung. Der Nominalzins setzt sich aus beiden zusammen und die Komponenten können sich unabhängig voneinander bewegen. Eine inflationsindexierte Anleihe ist gegen Inflation geschützt und reagiert dennoch voll auf den Realzins, während Rohstoffe auf Inflation reagieren, kaum aber auf den Realzins. Wer beides zu „Zinsen“ verrührt, kann nicht mehr erklären, warum Sachwerte 2022 anders liefen als nominale Anleihen.

Wenn kleine Positionen zum Klumpenrisiko werden

Kapitalgewichte sind ein schlechter Maßstab dafür, wie viel sich hinter einer einzelnen Kraft sammelt, weil sich Risiko nicht proportional zum eingesetzten Kapital verteilt. Im klassischen Portfolio aus 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen schwankt die Aktienseite um rund 15 Prozent pro Jahr, die Anleiheseite um rund 5 Prozent. Je nach unterstellter Korrelation stammen damit 90 bis 95 Prozent des gesamten Portfoliorisikos aus der Aktienposition, während die 40 Prozent Anleihen die Rendite verwässern, kaum aber das Risiko. Gemessen am Risiko ist das 60/40-Portfolio fast ein reines Aktienportfolio mit angezogener Handbremse.

Abb. 2, Quelle: Eigene Berechnung und Darstellung. Annahmen: 15 Prozent Volatilität auf der Aktien- und 5 Prozent auf der Anleiheseite. Risikobeiträge als Anteil an der Portfoliovarianz nach Euler-Zerlegung. σ bezeichnet die Volatilität des Gesamtportfolios pro Jahr. Der Fall hoher positiver Korrelation entspricht dem Inflationsregime, in dem Zinsen und Inflation die Märkte stärker treiben als der Konjunkturzyklus.

Bei vielen kleinen Positionen wirkt dieselbe Mechanik verdeckter. Statt jede Position pauschal einer einzigen Kraft zuzuschlagen, verteilt man sie anteilig auf mehrere und summiert anschließend über das ganze Portfolio, welcher Anteil auf jeden Treiber entfällt. Ein bewusst vereinfachtes Beispiel mit fünf Positionen zu je acht Prozent: zyklische Industrieaktien, ein Venture-Capital-Fonds, ein High-Yield-Fonds, ein Logistik-Immobilienprojekt und Aktien von Rohstoffproduzenten.

Die Industrieaktien hängen zu 0,7 an Wachstum und im Rest an Realzinsen, der Venture-Fonds zu 0,6 an Wachstum und zu 0,4 an Liquidität, der High-Yield-Fonds je zur Hälfte an Wachstum und an Kredit, die Immobilie zu 0,5 an Wachstum und darüber hinaus an Realzinsen und Liquidität, die Rohstoffaktien zu 0,6 an Wachstum und zu 0,4 an Inflation. Beim Wachstum liegen die fünf Faktorladungen zwischen 0,5 und 0,7, im Schnitt knapp 0,6. Angewandt auf die zusammen vierzig Prozent Kapital, die in diesen Positionen investiert sind, ergibt das eine Wachstumswette von rund 23 Prozent des Gesamtportfolios. Die grobe Faustregel, die jede Position ihrer stärksten Kraft zuschlägt, käme auf bis zu 40 Prozent und überzeichnet; der Blick auf die einzelnen Anlageklassen sieht nur fünf getrennte Wetten von je acht Prozent und unterschätzt die Bündelung. Die gewichtete Summe liegt dazwischen, und Wachstum ist darin mit gut einem Fünftel die größte Wette des Portfolios, ein Klumpenrisiko, das auf keinem Depotauszug steht.

Abb. 3, Quelle: Eigene Darstellung. Illustratives Beispielportfolio, kein reales Mandat. Die Faktorladungen sind Annahmen zur Veranschaulichung der Methode und keine Messung; ihre Begründung steht in den methodischen Hinweisen. Die Anteile je Risikotreiber ergeben sich als Summe der mit den Positionsgrößen gewichteten Ladungen.

Jede der fünf Positionen kann für sich genommen gut begründet sein, problematisch wird erst ihre Summe, wenn niemand die Treiber über das ganze Portfolio zusammenrechnet. Die Kontrollfrage lautet deshalb, wie groß der gewichtete Anteil aller Positionen ist, die an derselben Kraft hängen.

Diversifikation versagt, wenn man sie braucht

Selbst bei ausgewogener Gewichtung bleibt die Streuungswirkung keine Konstante. Sie schwankt mit dem Marktumfeld und fällt in schweren Abschwüngen am geringsten aus.

2008 verlor der US-Aktienmarkt gemessen am S&P 500 rund 37 Prozent, und fast alles, was als Diversifikation gedacht war, fiel mit. Internationale Aktien der Industrieländer gaben gut 43 Prozent nach, Hochzinsanleihen rund 26 Prozent und börsennotierte Immobilien knapp 38 Prozent. Rohstoffe verloren je nach Indexkonstruktion sehr unterschiedlich; die energielastigen Standardindizes büßten über 46 Prozent ein, breiter gewichtete Konstruktionen deutlich weniger. Selbst Hedgefonds, verkauft als marktunabhängige Beimischungen, verloren im Branchenschnitt rund 19 Prozent. Nennenswert zugelegt haben allein Staatsanleihen bester Bonität. Wer sein Vermögen über die Risikoanlagen dieser Liste verteilt hatte, besaß damit eine einzige Position, das globale Wachstums- und Kreditrisiko. 2022 wiederholte sich das Muster mit umgekehrtem Vorzeichen, als der Zinstreiber Aktien und Anleihen gemeinsam nach unten zog, während Rohstoffe stiegen. In beiden Krisen entschied die jeweils dominante Kraft darüber, welche Anlagen fielen und welche schützten.

Abb. 4, Quelle: Indexanbieter und Primärquellen, eigene Darstellung. Gesamtrenditen 2008 einschließlich Ausschüttungen, in US-Dollar. Staatsanleihen gemessen am Bloomberg U.S. Treasury Index, Hedgefonds am HFRI Fund Weighted Composite, Hochzinsanleihen am ICE BofA US High Yield Index, US-Aktien am S&P 500, börsennotierte Immobilien am FTSE Nareit All Equity REITs Index, internationale Aktien am MSCI EAFE (Net, nach Quellensteuern), Rohstoffe am S&P GSCI. Die Angabe für 2022 im Text bezieht sich auf den ICE U.S. Treasury 20+ Year Index.

Sébastien Page und Robert Panariello haben Korrelationen zwischen Anlagen danach getrennt, ob die Märkte steigen oder fallen, und eine ausgeprägte Asymmetrie gefunden: In den schwersten Verkaufswellen des US-Aktienmarktes stieg dessen Korrelation mit internationalen Aktien auf 0,87, in den stärksten Rallyes fiel sie auf minus 0,17. Im Aufschwung wirken die Anlagen also breit gestreut, im schweren Abschwung schmilzt dieser Effekt fast vollständig dahin. Dieselbe Asymmetrie messen die Autoren für Kreditsegmente, Hedgefonds-Stile und Privatmarktanlagen. Longin und Solnik hatten bereits 2001 dokumentiert, dass die Korrelationen internationaler Aktienmärkte in fallenden und volatilen Phasen sprunghaft steigen; Page und Panariello beziffern denselben Effekt siebzehn Jahre später für ein weit breiteres Anlageuniversum.

An ein Regime gebunden ist auch der letzte verbliebene Puffer. Staatsanleihen bester Bonität koppeln sich in Aktienkrisen meist ab, und diese Flucht in Sicherheit gehört zu den verlässlichsten Diversifikationseffekten. Page und Panariello belegen die Schutzwirkung allerdings nur für den Fall, dass der Ausverkauf von den Aktienmärkten ausgeht. Geht er wie 2022 vom Anleihemarkt aus, weil Inflation und Zinsen das Geschehen bestimmen, fallen beide Seiten gemeinsam.

Der berechtigte Einwand: Risikotreiber stehen auf keinem Depotauszug

Risikotreiber lassen sich nicht kaufen und nicht nachzählen, sie sind Konstrukte. Welche Position welcher Kraft in welchem Maß zugeordnet wird, ist eine Ermessensfrage, und zwei Analysten kommen mit guten Gründen zu verschiedenen Rastern; auch die Gewichte im Rechenbeispiel weiter oben sind geschätzt. Hinzu kommt die Überlappung der Treiber untereinander. Kreditaufschläge weiten sich fast immer dann, wenn das Wachstum einbricht, sodass zwei eigenständige Mechanismen im Abschwung in dieselbe Richtung wirken.

Die Faktorsicht arbeitet mit Schätzungen und liefert keine Messwerte, und ihr praktischer Nutzen hängt davon auch nicht ab. Sie erzwingt die Frage, wie viel Risiko an derselben Kraft hängt, und dafür genügt eine grobe Zuordnung. Ob die verdeckte Wachstumswette 20 oder 30 Prozent beträgt, ändert nichts an der Erkenntnis, dass sie nicht bei acht Prozent liegt. Eine grobe Landkarte leistet damit mehr als ein Depotauszug, der dieselbe Konzentration hinter fünf Etiketten verbirgt.

Echte Diversifikation bemisst sich an der Zahl der Risikotreiber

Wie viele unabhängige Kräfte auf ein Vermögen wirken, lässt sich am Depotauszug nicht ablesen, und ihre Zahl liegt fast immer unter der Zahl der Positionen. Zwei Effekte verkleinern sie weiter: im Normalfall, die unbemerkte Bündelung mehrerer Positionen auf dieselbe Kraft; im Stress, der Anstieg der Korrelationen genau dort, wo man sich auf sie verlassen wollte. Für Portfolios gilt am Ende, was für den Speiseplan gilt: Ausgewogen ist er, wenn er verschiedene Nährstoffe liefert. Die Zutatenliste zu lesen ist mühsamer, als die Gerichte zu zählen. Im Depot heißt das, die Positionen nach ihren Risikotreibern zu sortieren, bevor man ihre Zahl für Streuung hält.

Neben der Aufteilung nach Anlageklassen nehmen wir bei FOCAM regelmäßig diese zweite Sicht auf ein Mandat ein und fragen, welche gemeinsamen Kräfte hinter den einzelnen Positionen stehen und wie groß die größte dieser Wetten ausfällt. Bei Unternehmerfamilien gehört dazu, was nicht im Depot steht: Das eigene Unternehmen, Immobilien und unternehmerische Beteiligungen tragen oft dieselben Treiber wie das liquide Vermögen, und erst das Gesamtbild zeigt, wie viele unabhängige Wetten eine Familie tatsächlich eingeht.

FAQ

Eine Anlageklasse ist eine Marktkategorie wie Aktien, Anleihen oder Immobilien. Ein Risikotreiber ist die ökonomische Kraft, die den Wert einer Anlage tatsächlich bewegt, also Wachstum, Realzinsen oder Kreditrisiko. Mehrere Anlageklassen können denselben Treiber teilen. Wachstumsaktien und langlaufende Anleihen reagieren beide empfindlich auf das Zinsniveau.

Man verteilt jede Position anteilig auf die Kräfte, die ihren Wert bewegen, statt sie pauschal einer einzigen zuzuschlagen. Anschließend summiert man über das ganze Portfolio, welcher gewichtete Anteil auf jeden Treiber entfällt, und tariert die Gewichte so aus, dass kein einzelner Treiber das Portfolio beherrscht. Dieser Text unterscheidet sechs: Wachstum, Realzinsen, Inflation, Kredit, Liquidität und Währung.

Beide Komponenten können sich unabhängig voneinander bewegen und treffen unterschiedliche Anlagen. Der Nominalzins setzt sich aus Realzins und erwarteter Inflation zusammen. Eine inflationsindexierte Anleihe ist gegen Inflation geschützt und reagiert dennoch auf den Realzins, Rohstoffe reagieren auf Inflation, kaum aber auf den Realzins, und eine nominale Anleihe reagiert auf beides. Dadurch entwickeln sich Sachwerte und nominale Anleihen im selben Umfeld unterschiedlich.

Nicht pauschal. Bei Anleihen ja: Wechselkurse schwanken deutlich stärker als Anleihekurse, ohne Sicherung ist eine Auslandsanleihe überwiegend eine Währungswette. Bei Aktien liegt der Fall anders. Währungen wie der US-Dollar oder der Schweizer Franken werten in globalen Stressphasen tendenziell auf und dämpfen den Verlust einer ungesicherten Position genau dann, wenn es darauf ankommt; eine Vollsicherung nimmt diesen Puffer heraus. Hinzu kommt, dass eine Sicherung nicht kostenlos ist, sondern die Zinsdifferenz zwischen den beiden Währungen kostet. Sinnvoll ist deshalb eine Sicherungsquote, die nach Anlageklasse unterscheidet, statt einer einheitlichen Regel für das Gesamtportfolio.

In breiten Abschwüngen dominiert häufig eine einzelne Kraft viele Anlagen gleichzeitig, etwa ein Wachstumseinbruch, der Aktien, Hochzinsanleihen und Immobilien zugleich belastet. In ruhigen Phasen bewegen sich die verschiedenen Treiber weitgehend unabhängig voneinander, wodurch die Streuung größer erscheint, als sie im Ernstfall ist; unter Turbulenzen laufen sie wieder in dieselbe Richtung. Empirische Untersuchungen belegen diese Asymmetrie über nahezu alle Risikoanlagen hinweg: Die Korrelation mit dem Aktienmarkt ist in Verkaufswellen höher als in Rallyes.

Nein. Streuung über tatsächlich unabhängige Risikotreiber wirkt auch in Stressphasen. Trügerisch ist eine Streuung, die allein auf der Zahl der Anlageklassen beruht und deshalb mehr Schutz verspricht, als sie im Ernstfall bietet.

Man zerlegt jede Position in ihre Anteile an den einzelnen Risikotreibern und summiert diese Anteile über das ganze Depot. Mehrere kleine Positionen, die anteilig alle an derselben Kraft hängen, ergeben zusammen eine größere Wette, als die einzelnen Positionsgrößen vermuten lassen. Für das Erkennen eines Klumpenrisikos genügt dabei meist eine grobe Schätzung.

Alle Marktangaben beziehen sich auf US-Märkte und sind in US-Dollar gerechnet; die zugrundeliegende Mechanik gilt unabhängig von Markt und Währung. Angegeben sind Gesamtrenditen einschließlich Ausschüttungen.

2022: Die US-Notenbank hob das Zielband für den Leitzins binnen eines Jahres um 425 Basispunkte auf 4,25 bis 4,50 Prozent an. Nasdaq-100 Total Return Index (XNDX) minus 32,4 Prozent, langlaufende US-Staatsanleihen gemessen am ICE U.S. Treasury 20+ Year Index minus 31,0 Prozent. Die Angabe zu den Staatsanleihen bezieht sich auf Restlaufzeiten über zwanzig Jahre; kürzere Laufzeitsegmente verloren entsprechend weniger.

2008: US-Aktien gemessen am S&P 500 minus 37,0 Prozent, internationale Aktien der Industrieländer gemessen am MSCI EAFE (Net, nach Quellensteuern) minus 43,4 Prozent, Hochzinsanleihen gemessen am ICE BofA US High Yield Index minus 26,4 Prozent, börsennotierte Immobilien gemessen am FTSE Nareit All Equity REITs Index minus 37,7 Prozent, Rohstoffe gemessen am S&P GSCI minus 46,5 Prozent, Hedgefonds gemessen am HFRI Fund Weighted Composite Index minus 19,0 Prozent. Staatsanleihen bester Bonität, in Abbildung 4 ausgewiesen, gemessen am Bloomberg U.S. Treasury Index plus 13,7 Prozent. Die Unterschiede zwischen den Rohstoffindizes ergeben sich aus ihrer Sektorgewichtung; produktionsgewichtete Konstruktionen wie der S&P GSCI hielten 2008 einen Energieanteil von rund zwei Dritteln und fielen entsprechend stärker als breiter gewichtete Indizes.

Rechenbeispiel 60/40: Risikobeitrag der Aktienposition bei 15 Prozent Volatilität auf der Aktien- und 5 Prozent auf der Anleiheseite, berechnet als Anteil an der Portfoliovarianz. Die genannte Spanne von 90 bis 95 Prozent entspricht Korrelationen zwischen 0,3 und 0. Bei negativer Korrelation liegt der Anteil höher. Abbildung 2 weist zusätzlich den Fall einer Korrelation von 0,7 aus, in dem der Risikobeitrag der Aktien auf 84,9 Prozent sinkt und die Portfoliovolatilität zugleich auf 10,50 Prozent steigt.

Rechenbeispiel Faktorzerlegung: illustrative Zuordnung, keine Messung. Jede Position wird anteilig auf die Treiber verteilt, die ihren Wert bewegen; die Anteile einer Position summieren sich auf eins. Unterstellt sind: zyklische Industrieaktien 0,7 Wachstum und 0,3 Realzinsen, weil die Gewinne unmittelbar am Konjunkturzyklus hängen und die Bewertung zusätzlich vom Diskontsatz abhängt; Venture-Capital-Fonds 0,6 Wachstum und 0,4 Liquidität, weil junge Unternehmen stark vom Wachstumsumfeld abhängen und die Anteile über Jahre nicht handelbar sind; High-Yield-Fonds je 0,5 Wachstum und Kredit, weil die Ausfallwahrscheinlichkeit mit der Konjunktur schwankt und der Risikoaufschlag ein eigenes Preisrisiko trägt; Logistik-Immobilie 0,5 Wachstum, 0,25 Realzinsen und 0,25 Liquidität, weil Mietnachfrage und Flächenumsatz konjunkturabhängig sind, die Bewertung am Zinsniveau hängt und ein Direktinvestment nicht kurzfristig veräußerbar ist; Aktien von Rohstoffproduzenten 0,6 Wachstum und 0,4 Inflation, weil die Absatzmengen an der Konjunktur und die Erlöse an den Rohstoffnotierungen hängen. Der Anteil eines Treibers am Gesamtportfolio ergibt sich als Summe seiner mit den Positionsgrößen gewichteten Ladungen. Für Wachstum bei fünf Positionen zu je acht Prozent: (0,7 + 0,6 + 0,5 + 0,5 + 0,6) x 8 Prozent = 23,2 Prozent. Analog entfallen 5,2 Prozent auf Liquidität, 4,4 Prozent auf Realzinsen, 4,0 Prozent auf Kredit und 3,2 Prozent auf Inflation; in der Summe 40,0 Prozent.

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